Die Frustrationsgrenze

Ich bin schnell frustriert, meine Toleranzgrenze in diesem Bereich ist niedrig. Zu meinem Leidwesen habe ich diese nicht unbedingt positive Eigenart an unseren Sohn vererbt. Als wir auf der Frühchenstation das Stillen übten und auf den nie ankommenden Milcheinschuss warteten, weinten wir beide. Er schlug seinen Kopf gegen meine Brust, spuckte das Stillhütchen aus und brüllte, ich schniefte hysterisch.

Wenn es mir zu mühselig wird, gebe ich schnell auf. Deshalb habe ich zwar einen Nähkurs besucht, nähe aber nicht. Ich kann Gitarre spielen, bin aber zu faul zum Üben. Geduldsspielchen hasse ich. Menschen, die mich aus verschiedenen Gründen nerven, treiben mich in den Wahnsinn. Ich bin keine Lehrerin geworden, weil ich Schüler anschreien würde, die nicht schnell genug lesen. Ungeduld, Du gemeines Ding.

Nun bin ich Mutter. Und Mütter müssen geduldig sein, eine hohe Frustrationsgrenze haben, tief durchatmen können und lächelnd weitermachen. Liebevoll sein, auch wenn einem die Tränen der Erschöpfung in den Augen stehen und man sich in eine Ecke verkriechen möchte, wo Niemand nach einem verlangt. Niemand.

Ein Kind ins Leben zu begleiten, das habe ich in den vergangenen sieben Monaten lernen müssen, ist vor allem Arbeit an sich selbst. Wie soll ich die Monster unter dem Bett meines Sohnes vertreiben, wenn ich mich selber nicht traue, drunter zu gucken? Wie ihm Geduld und Liebe vermitteln, wenn mich der geringste Rückschlag in tosende Wut treibt?

Je höher meine Grenze für Geduld und Frust bei meinem Sohn wird, desto niedriger wird sie bei anderen Dingen und Menschen. Vor allem mein Freund muss das merken, wenn ich ihn durch zusammengepresste Zähne anzische, weil er die Windeln nicht schnell genug holt oder er meiner Meinung nach zu lange auf der Toilette war. Da wirft man dann zur linken Seite wütende Blicke und lächelt nach rechts, damit der Sohn nur nichts mitbekommt.

Einher geht das mit einer dünner werdenden Nervendecke. Zurzeit schläft der Sohn fast nur in meinem linken Arm, die Nase in die Achselhöhle gedrückt, fest an mich gedrückt. Auch nachts. Mittlerweile tut mir meine Schulter weh, die Finger kribbeln vor schlechter Durchblutung beinahe den ganzen Tag. Die Versuche, ihn in sein eigenes Bett zu legen, scheitern. Die Nächte sind wenig erholsam. Da wird die Suche nach mehr Geduld zur – man verzeihe mir das Wortspiel – Geduldsprobe.

Eine liebe Bekannte sagt in den Momenten, in denen ihr Sohn ihr alles an Geduld abverlangt, immer „Ich bin ein Gänseblümchen“. Und auch ich entdecke, dass ich mich in den Momenten, in denen ich merke, dass ich gleich vor Frust weine, wegdenke, die Augen kurz schließe, an die Küste Nordenglands denke, tief durchatme – und weitermache, weiter singe, weiter lächle. Weinen kann man dann, wenn der Sohn schläft, friedlich im Arm liegt, leicht schnarchend.

Denn das sind diese anderen Momente, in denen Frust und Zweifel einfach weg sind. Man das Kind ansieht und sich über diese Liebe wundert, die man fähig ist zu empfinden. Gemeinsam über die Spieldecke kullert und lacht, laut die Konsonanten singt, weil der Sohn es zum Glucksen findet.

Und nun muss ich dringend die Finger meiner linken Hand bewegen und versuchen, den Sohn sanft beiseite zu schieben. Dabei ist dann nicht nur Geduld, nein auch Feinmotorik gefragt. Noch so eines meiner Problemfelder.

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Ein Gedanke zu “Die Frustrationsgrenze

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