Die Entdeckung der Freiheit

Der Sohn läuft. Er hat sich Zeit gelassen, ist lieber gekrabbelt, hat seinen Spielgefährten hinterhergesehen und offenbar alles genau studiert, um die ersten großen Schritte nicht wackelig sondern fest und bestimmt zu machen. So marschiert er nun durch die Wohnung, die Parks und die Straßen. Die Nase neugierig nach vorn gestreckt, ein wissendes „Dada! Mama, bitte!“ vor sich herbrüllend, den Finger auf alles zeigend, was es so zeigen gibt. Den Eismann. Kastanien. Hunde, die ihm genau ins Gesicht sehen können. Drachen im Wind. Vögel, die Müll klauen. Den Kinderwagen mit seiner Schwester. Er ist stolz und aufgeregt und bemerkt so langsam, dass Laufen bedeutet, eigene Wege gehen zu können. Im wahrsten Sinne der Worte. In der vergangenen Woche liefen wir durch den Park, als der Sohn bemerkte, dass rechts ein Weg abging. Er führte genau auf die Straße und war somit für uns nicht von Belang, zumal auch der Eismann geradeaus bereits zu sehen war. Der Sohn sah mich an, sah auf die Straße, auf seine Füße, den Weg, die Straße – und drehte ab. Ich konnte in seinem Gesicht den Moment erkennen, in dem ihm aufgegangen war „Das kann ich allein“.

Was für ein wundervolles Gefühl es sein muss, wenn all das, was wir Erwachsenen phrasenhaft als „Welt zu Füßen liegen“ bezeichnen, wahr wird. Wenn man merkt „Ich kann überall hingehen, mir steht alles offen“, wenn man nicht mehr auf die tragenden Arme angewiesen ist und seinen eigenen Ideen folgen kann. Und wie traurig, dass uns Erwachsene dieses Gefühl irgendwann verlassen hat, wir uns in einer Welt voller Zwänge und Verpflichtungen wähnen.

Aber auch für mich gibt es wieder so etwas wie „Freiheit“. Sah man mich in den vergangenen Monaten immer mit einem Kind in der Trage und einem Kind im Wagen (oder einem Kind in der Trage, einem auf den Arm und den Kinderwagen mit einer Hand schiebend), laufe auch ich nun – ja – allein durch den Park. Niemand hängt an mir, die Tochter genießt den freien Blick im Kinderwagen, sieht in den Himmel, lacht den herbstlichen Bäumen entgegen und strampelt mit ihren kleinen dicken Schildkrötenbeinchen. Wir Drei, bis vor kurzem ein Haufen aus Beinen, Armen und verschwitzten Köpfen, wir sind nun eine kleine Gruppe von Spaziergängern (und einer Spazierfahrerin), Flaneure auf den Wegen der Stadt.So sehr ich es auch genieße, meine Kinder zu tragen (und ich trage den Sohn ja dennoch meist bis in den Park), so sehr freue ich mich auch, das Risiko für vollgekotzte Jacken zu minimieren, den Rücken durchzustrecken, allein zu sein, mein Eis zu essen, ohne einem Kind die Frisur zu verkleben.

Es fühlt sich an wie eine neue Zeit und ich bin nun schon gespannt, wie ich mich fühle, wenn auch die Tochter im nächsten Jahr läuft, beide Kinder durch die Gegend tollen und wir den kurzen Weg in den Park ohne Kinderwagen zurücklegen. Wenn ich dem Sohn ins Gesicht sehe, dieser Stolz und die Entdeckerfreude in jedem Grübchen seines Gesichts, dann bin ich so glücklich, dass mir die Tränen der Freude in die Augen schießen. Dieser kleine Junge, der vor knapp 18 Monaten noch so klein unter Kabeln versteckt lag, läuft nun, hilft mir abends beim Tischdecken und trägt die Blumen aus dem Wintergarten einmal quer durch die Wohnung – weil er es kann. Mein Herz platzt in diesen Momenten vor Liebe und Hochachtung vor diesem kleinen Menschen und wenn mein Blick dann zur Tochter geht, die mit Schwung die Drehung übt und dabei lacht und jauchzt, ja, dann ist es vorbei mit Zynismus und Schwarzseherei, dann bin ich ein kleiner emotionaler und sehr zufriedener Wattehaufen.

Es sind Momente, in denen kann ich die Eltern verstehen, die bei den Schulauftritten ihrer Kinder vor Stolz und Glück weinen, sei der Gesang auch noch so schief, der Tanz noch so sehr neben dem Takt und die Blockflöte noch so schrill. Ich ahne nun schon Schlimmes, wenn ich an diese Phasen im Leben meiner Kinder denke. Wenn mich Laufen und Drehen schon völlig aus der Fassung bringen, wie soll es nur werden? Vermutlich sagen die Zwei irgendwann „Nein, Mama. Komm bitte nicht mit zur Schulaufführung. Du weinst immer so peinlich“ und dann weine ich erst recht, weil ich zwei verbal so versierte Kinder in diese Welt geboren habe.

Und nun brauche ich Taschentücher. Ganz viele. Und dann muss ich die Tochter beobachten, wie sie im Schlaf lacht. Das kann sie nämlich auch ganz wunderbar. Drehen und im Schlaf lachen. Herrje!

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2 Gedanken zu “Die Entdeckung der Freiheit

  1. Ich bin so sehr mit dir. Erst gestern fiel mir ein Bild in die Hände, es ist fünf Jahre alt. Es zeigt meinen Kinderwagen im Bus. Am Kinderwagen ein KiddyBoard. Oben auf dem Wagen ein Laufrad, ein Roller, die Kindergartentasche des Großen, die Wickeltasche und ganz hinten drin, unter all dem Verborgen, mein C-Hörnchen. Ich habe mich wirklich gefragt, wie ich diese Phase überlebt habe!!!

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  2. Pingback: Wie die Zeit vergeht – muetterchenfrost

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