Nächte. Gespenster. Betten.

Vor einigen Nächten wachte ich auf. Kein Kind hatte geweint, der Freund meine Beine nicht als Hocker genutzt. Nein, ich lag wie eine ziemlich moppelige Schlangenfrau mit dem Körper zwar im Bett, der Kopf aber lag auf meinem Nachttisch, zwischen Milchflaschen, einer vollgepinkelten Windel, meinem Smartphone und einer offenbar von mir im Schlaf umgekippten Wasserflasche. Dort, wo eigentlich mein Kopf hingehört hätte, lag friedlich schlafend die Tochter, die kleine Faust an die Wange gelegt, einen kleinen Milchkotzefleck im Mundwinkel, daneben der Sohn, quer, die Arme von sich gestreckt, die blonden Haare verschwitzt und verstrubbelt. Und dann, ebenfalls artistisch zwischen Bett und Nachttisch drapiert, der Freund.

In unserem Schlafzimmer steht unser Bett. 1,80 Meter breit. Auf beiden Seiten schließen jeweils ein Nachttisch und ein Kinderbett an. Es ist eng, das Familienbett zwar in Planung, aber Matratzen sind ja eine Art vermilbte Vermögensanlage, da muss man erst einmal sparen, während das Geld für Windeln, Fahrradanhänger und Besuche der Verwandtschaft nur so wegbrennt. Es gibt Nächte, da frage ich mich, wieso wir eigentlich zwei Kinderbetten haben, wenn die Kinder sich doch mehr oder weniger geschickt spätestens um 1 Uhr in unser Bett geschlichen haben. Und mit geschlichen meine ich: geweint, beim Hochheben den Kopf selig lächelnd an die Schulter des entsprechenden Elternteils gelegt, eingeschlafen, Elterngedanke „Ach, das Kind ist so süß, ich möchte mich an es kuscheln und es ist ja eine Ausnahme“. Eine Ausnahme, die jede Nacht geschieht.

Oft liegen der Freund und ich abends im Bett, unterhalten uns, lesen, spielen, essen noch ein Belohnungseis (kein Kind kaputt) und sagen „Oh, ist das Bett ja gro…“ Schwupps – ein Kind macht sich bemerkbar. Es sollte eine Grundregel sein, sich nicht über den Platz im Bett zu freuen, weil dann garantiert Schluss mit ausgestreckten Armen und Beinen, elterlicher Löffelcheneinschlafposition und „nicht von allen Seiten angeatmet werden“ ist. Im Gegensatz zum Sohn schläft die Tochter sogar manchmal 90 Prozent der Nacht im eigenen Bett, der Sohn erreicht vermutlich nicht einmal 25 Prozent.

Nun sind der Freund und ich aber auch schwach oder verliebt in unsere Kinder oder beides. So sehr man am Morgen mit Nackenschmerzen und eingeschlafenen Händen auch „Nächste Nacht wird anders“ sagt – am Abend ist alles vergessen, wenn der Sohn bitterlich weint und die Tochter mit aus blauen Mandelaugen lieblich blinzelt.

Hin und wieder schläft der Sohn länger als ein Uhr in seinem eigenen Bett und weckt uns dann, indem er seine blasse Haut, die blonden Haare und seine Spieluhr gewinnbringend einsetzt. Er stellt sich hin, wankt leicht hin und her und zieht dabei mit einer Hand seine Spieluhr auf. Man muss sich den nächtlichen Schreck vorstellen, der in unsere horrorfilmerfahrenen Knochen fährt, wenn man aus tiefsten Träumen in die Realität geworfen wird. Wir fahren hoch, verwirrt, müde, blicken nach links und sehen eine schwankende helle Gestalt im sanften Licht des Sternennachtlichts und hören „Lalelu, nur der Mann im Mond schaut zu…“ Ah!

Es ist eine offenbar ewigwährende Diskussion zwischen Eltern, wo und wie das Kind am besten schläft. Daran möchte ich mich gar nicht beteiligen. Tagsüber fluchen wir über die vergangene Nacht, dann aber kuscheln wir uns selig an die Kinder, schnüffeln hinterm Ohr, genießen auf eine merkwürdige Art und Weise den kleinen Fuß, der sich in den eigenen Bauch bohrt und verteilen im Halbschlaf Küsse auf verstrubbelte Schlaffrisuren. Irgendwann ist das vorbei, da werden Sohn und Tochter uns mit „Mama, Papa, ihr seid peinlich und doof“ belehren, wenn wir fragen, ob wir einmal an den Haaren riechen können oder sie sich einmal an uns kuscheln wollen.

Ich weiß noch, wie der Sohn die erste Nacht bei uns war, in der Mitte lag und der Freund und ich uns zuflüsterten, der Arzt habe gesagt, Kinder bräuchten ihr eigenes Bett. „Jaja, nächste Nacht“, sagten wir, legten die Hand sanft an ihn und schliefen ein. Und als mir die Krankenschwester unsere Tochter ans Bett brachte, nahm ich sie sofort und ließ sie auf mir schlafen. Ich glaube, sie fand es ebenso gut wie ich.

Es ist eben eine Mischung aus „Ich will Platz im Bett“ und „Es ist zu viel Platz im Bett“. Mir graut es schon davor, wenn die Kinder in ihr eigenes Zimmer ziehen; gleichzeitig freue ich mich aber auch auf gespensterfreie Nächte, ankuscheln an den offenbar von einer Wärmflasche abstammenden Freund und meinen Kopf auf meinem unbekotzten Kissen.

Soll noch einer mal sagen: „Kinder brauchen die Nähe ihrer Eltern“. Eltern brauchen die Nähe ebenso sehr. Ein bisschen Platz für meinen Kopf im Bett hätte ich dennoch gern.

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