Anders. Ganz. Anders.

So wie ich nun bin, so wollte ich nie sein. Ich wollte auf keine Spielplätze gehen, keine anderen Eltern kennen und mich vor allem nicht in irgendetwas einmischen, weil das Verantwortung und Aufregen bedeutet und es doch meist ohnehin nichts bringt. So im Rückblick weiß ich gar nicht genau, wie ich mir mich als Mutter vorgestellt habe. Aber nicht so. Ganz sicherlich nicht.

Ich glaube, ich sah mich als erfolgreiche Journalistin, die abends in ein warmes Haus kommt, in dem es nach Pfannkuchen riecht, in der Küche lärmen die Kinder. Da war mein Beruf, dann die Familie, das Gesicht des Vaters der Kinder war verschwommen, irgendeiner würde es schon werden.

Nun ist es mein Freund, der abends nach Hause kommt, in die warme Wohnung, manchmal riecht es auch nach Pfannkuchen, oft nach Windeleimer; die Kinder sind laut, meist weinen sie, weil es auf 18 Uhr zugeht und die Tochter dringend ins Bett muss, während der Sohn sich ein letztes Mal aufbäumt, bevor er sich nach Abendessen und Zähneputzen hundemüde in den Schlaf krakeelt.

Oft kommt der Freund aber auch nach Hause und findet im Kinderspielzimmer eine Horde Mütter mit Kindern vor, Kaffeetassen stapeln sich dort auf der Kommode, Weintrauben liegen zerquetscht am Boden, Brötchenkrümel lassen jeden Schritt hörbar werden. Dann lachen ihn nicht zwei sondern manchmal fünf oder sechs Kinder an, fassen beim Hochheben in seinen Bart und wischen ihre Rotznasen an seinem Pullover ab. Erwähnte ich, dass ich nie andere Mütter um mich haben wollte? Nun ist unser Kinderspielzimmer Mittelpunkt einer ganzen Gruppe, ich organisiere die Kommunikation untereinander und weiß von jeder Mutter (und manchem Vater), wie er seinen Kaffee trinkt.

Mein Freund lacht darüber. Sehr. „Du bist eine von den Müttern, die Du hasst, das weißt Du, oder?“ sagt er und grinst. Mit „Schönen Tag, Du Hippie“ verabschiedete er sich heute Morgen, weil ich am Montag die Tochter auf den Rücken geschnallt hatte, um Freunden bei der Apfelernte zu helfen. Ich trug Gummistiefel, der Sohn vertilgte die Äpfel direkt vom Boden und wir tranken türkischen Kaffee im Herbstwind. Nein, so hatte ich mir das früher nicht vorgestellt.

Es ist interessant zu beobachten, wie sich Einstellungen und Prioritäten im Leben verändern. Das ist manchmal schön, dann eben, wenn man mit netten Menschen im Garten steht, die Nasenspitze kalt, einen Kinderkopf an den Rücken gelehnt. Manchmal aber ist es auch traurig und verletzend, wenn man liest, man sei „nur noch ein Schatten der Bloggerin von früher“. Oder man sei mal lustig gewesen, nun nur noch langweilig.

Für so etwas habe ich aber eigentlich keine Zeit und mein Freund quittiert solches Genöle mit Schulterzucken und der Frage, ob wir noch Eis in der Truhe haben. Keine Zeit habe ich, weil ich mich über Dinge aufregen muss, die mich vorher nicht interessiert haben. Mein Lieblingsthema zurzeit: das Kita-Essen. Tiefgefroren durch die Republik gefahren, matschig, unfassbar teuer. Seit Tagen rege ich mich deshalb auf und sehe meinen Freund deshalb zwischen verständnisvollem Nicken und neckendem „Muttiii“-Hüsteln. Niemals wollte ich in einen Elternrat, nun erkenne ich in mir eine Aktivistin – eine Aktivistin für meine Kinder. Ich habe Machtphantasien, wie ich tiefgefrorenen Grießbrei schreiend auf die Straße kippe und die Kinder fortan vernünftiges Essen bekommen. Ich sehe mich Geld einsammeln, um einen eigenen Kitaessenslieferservice auf die Beine zu stellen, ich sehe meine Kinder, wie sie leise „Ja, das ist meine Mutter, sie regt sich manchmal unnötig auf“ sagen.

Ich, eine mütterliche Aktivistin. Ich schwanke zwischen Entsetzen und Begeisterung, während ich Inventur am Kinderwagen mache, ob denn noch genug Windeln, Feuchttücher und Notfall-Früchteriegel in den Taschen sind. Aber eigentlich habe ich ja keine Zeit. 30 Kilogramm Äpfel sollen (teils) zu Apfelmus für die Kinder gemacht werden und das Kinderzimmer muss von der gestrigen Spielorgie gereinigt werden. Vielleicht ist es gut, wenn die Elternzeit vorbei ist. Oder aber es geht dann erst richtig los, wenn das Adrenalin der Vereinbarkeit mich zu Höchstleistungen antreibt.

Eines aber ist gewiss: der Freund wird mich weiterhin auslachend antreiben, magickartenspielend zusehen, wie ich das Kita-Essen revolutioniere und irgendwann im Dunkel der Nacht sagen „Das ist schon ganz gut, wie Du das machst“. Und dann wird er wieder lachen.

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2 Gedanken zu “Anders. Ganz. Anders.

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