Das Erziehungsmodell

Unser Sohn war noch nicht geboren, da fragte mich eine Mitschwangere, für welches Erziehungsmodell ich mich entschieden hätte. Ich sackte zusammen. Mit diesem Themenbereich hatte ich mich noch nicht auseinandergesetzt, offenbar war ich auf die Elternschaft nur ungenügend vorbereitet. 

Nun, meine genuschelte Antwort war irgendwas mit „lieb haben“ und „wird schon“, aber ich fühlte mich gleich wie eine schlechte Mutter; ein Gefühl, das mich noch häufig überkommen sollte, wenn überstrukturierte Muttertiere mir die Pläne für Kind und Leben des Kindes entgegenschleuderten.

Dann kam der Sohn und es blieb keine Zeit, sich Gedanken um irgendwas zu machen. Nun aber – der Sohn entwickelt langsam Sturheit und Eigenwillen – komme ich immer wieder auf dieses Wort „Erziehung“ zurück. Und es gefällt mir nicht.

Eine alte Freundin der Familie sagte einmal, sie fände das Wort „Erziehung“ schlimm und falsch. Sie würde ihre Kinder ins Leben, in diese Welt begleiten. Und obwohl ich diese Aussage als Teenager nur beiläufig hörte und in ihrer Gänze nicht einmal verstand, habe ich sie nicht vergessen. Es ist merkwürdig, was man sich merkt und was man wieder vergisst. Banalitäten bleiben da, mathematische Formeln entfallen. 

Heute stimme ich der alten Freundin zu. Das Wort „Erziehung“ ist nicht schön, das Ziehen darin ist hart und unfreundlich. Ich möchte nicht an meinem Sohn zerren, ich möchte bei ihm sein, wenn er erwachsen wird. Ich möchte seine Hand halten, wenn er groß wird, ich möchte nicht ziehen, obwohl er sich mit den kleinen Füßen in den Boden stemmt und nicht mit möchte.

Das klingt naiv, hat es doch etwas von anti-autoritärem Gehabe und nein, mein Sohn hatte noch keinen Wutanfall, bei dem er sich auf den Boden des Supermarktes warf. Ich weiß, dass sie kommen werden, diese furchtbaren Momente, in denen ich streng sein muss. Wutanfälle, Sturheiten, absolutes Unverständnis auf beiden Seiten, verhärtete Fronten.

Erziehung, das Ziehen, hat etwas Einsames. Dort das Kind, hier ich. Er schreiend auf dem Spielplatz, ich an ihm zerrend, seine Gummistiefel bohren sich in den Boden, ich ungehalten. Das Begleiten hat etwas Gemeinsames. Auch hier wird der Sohn schreien, aber ich ziehe nicht, ich halte ihn, bin bei ihm, während er die Welt und auch mich hasst. Eine andere Grundeinstellung.

Begleiten bedeutet, zu hoffen, dass er die Werte, die wir ihm mitgeben, annimmt. Es bedeutet nicht, sie ihm aufzuzwingen. Es bedeutet, in schweren Zeiten fest an seiner Seite zu stehen und die Hand zu halten. Bei ihm zu sein, nicht dort zu stehen, wo wir ihn haben wollen. Sondern da zu sein, wo er ist und dann gemeinsam zu gehen.

Ich glaube und hoffe, dass er versteht, irgendwann, warum er „Danke“ sagt, wenn er etwas geschenkt bekommt und dies dann aus vollem Herzen auch so meint. Dass es Regeln im Miteinander gibt, die das Leben erleichtern, diese dann aber auch, irgendwann, hinterfragt. Ich glaube, am Wort „Begleiten“ gefällt mir, dass es das Kind als eigenständige Person sieht, nicht als formbares Geschöpf.

Ja, es wird hart. Ich bin ungeduldig, ich bin stur. Ich hasse es, wenn Dinge nicht so ablaufen, wie ich es will. Mit Kind läuft fast gar nichts, wie man es möchte. Man gibt ein Stück Kontrolle ab; es ist furchtbar. 

Während ich diesen Text schreibe, wird mein Hals eng vor Angst. Diese Aufgabe erscheint so groß, so unmöglich. Aber ich weiß, dass der Sohn und ich gemeinsam daran wachsen. Wir begleiten uns gegenseitig, er mich auf meinem Weg als Mutter, ich ihn auf seinem Weg ins Leben. Es wird Geschrei und Wut geben, aber auch Momente voller Gemeinsamkeit. Und wenn ich das nächste Mal gefragt werde, was für ein Erziehungsmodell ich verfolge, sage ich einfach: „Och, wir schlendern so umher, wir als Familie. Erziehung ist doch ein sehr unfreundliches Wort.“ Aber wie immer fällt mir die Antwort zu spät ein. Acht Monate zu spät.

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Der Einkauf

So ohne Auto erledigen wir die Einkäufe zu Fuß. „Wir“ meint meistens: ich. Mein Freund ist fast 12 Stunden am Tag unterwegs, am Abend möchte ich ihn dann nicht mehr in die kaufländische, rewesche oder aldische Hölle schicken. Das hat er nicht verdient.  Weiterlesen