Öffentlicher Nahverkehr

Wir haben kein Auto. Bisher brauchen wir keines. Leipzig hat Busse und Bahnen, die ostfriesische Verwandtschaft wird mit Leihauto oder Bahn besucht. Das geht ganz gut und hält uns davon ab, täglich während der Parkplatzsuche zu weinen und jeden Kleineinkauf mit dem Wagen zu machen.

Mit Kind erlebt man natürlich viel mehr im öffentlichen Nah- und Fernverkehr, es ist ein Abenteuer, von A nach B zu kommen. Nicht nur das Aussteigen mit Kinderwagen aus den Straßenbahnen auf der Straße mit rund 20 Zentimetern Höhenunterschied treibt mir den Angstschweiß auf die Stirn, auch die Busfahrer, die es schaffen, mt ihren Bremsungen die Bremse des Wagens zu lösen, machen mir zu schaffen. 

Es kam nicht selten vor, dass ich in den Bussen der Stadt stand und vor mir schon die Schlagzeile des folgenden Tages sah: „Wütende Mutter bewirft achtlosen Busfahrer mit benutzter Katzenstreu!“ 

Mein Freund sagt immer, ich solle mich nicht so aufregen. Aber ich rege mich auf. Es gibt viel, was ich geschehen lasse, aber manchmal muss ich die Zähne wütend aufeinander pressen, damit es nicht aus mir herausplatzt. Im öffentlichen Nahverkehr passiert es recht häufig.

Am Wochenende fuhren wir in die Peripherie Leipzigs, zur Verwandtschaft. Abends ging es zurück, das Kind war schlecht gelaunt, es weinte. Mit dem Kinderwagen stiegen wir am Fahrradabteil ein und stießen auf eine Gruppe von Jungstudenten, die es sich dort mit ihren Rucksäcken bequem gemacht hatte. Kurz: Für uns mit Kinderwagen war nicht mehr viel Platz. 

Die Jungstudenten der Geisteswissenschaften rückten nicht, sie sahen zu, wie wir mit unserem mittlerweile leicht verkeilten Kinderwagen dort standen und irgendwie versuchten, Platz zu finden, ohne den Gang zu verstopfen.

Vor einiger Zeit fuhr ich nach Grimma, ebenfalls mit der Bahn. Das ganze Abteil für Fahrräder und Kinderwagen war voll mit Trekkingrädern, die extrem ungünstig gestellt waren; von den Besitzern fehlte jede Spur. Ich stand mit Kind und Kinderwagen an der Tür, Schüler stiegen ein, rempelten uns an, der Sohn weinte bitterlichst. Später erzählte eine Mitarbeiterin der Bahn mir, Kinderwagen hätten vor Fahrrädern Vorrang. Ich hätte die Besitzer der Fahrräder suchen müssen. Klar.

Ich hätte vermutlich auch das Recht gehabt, den Jungstudenten mitzuteilen, dass überall im Zug Plätze frei seien und sie nun mal schnell verschwinden sollen. Macht man nur nicht, man ist ja kein Klugscheißer, möchte auch mit Kind nicht spießig und kleinkariert wirken und will irgendwie cool sein. „Eigentlich bin ich auch noch so jung wie ihr. Nur älter.“

Und so schwiegen wir, stellten den Kinderwagen ungünstig ab und setzen uns weit entfernt direkt vor die Klotür, wo einer der Jungstudenten seine bierdurchtränkte Notdurft verrichtete und ich ihn durch die Tür ächzen hörte.

Während unsere Mitfahrer sich für ihre alternative Lebensart feierten, die teuren Lederschuhe auf den Rucksäcken, das iPhone in der Hand, wuchs meine Wut. Meine Zähne knirschten, mein Blutdruck stieg an, ich wünschte ihnen Fußpilz an den Hals. Auch mein Freund wurde immer genervter, unsere Unruhe übertrug sich auf das Kind – wir waren eine schreiende Zeitbombe.

Irgendwann reichte es meinem Freund. Der Lauteste der Jungstudenten brüllte in sein Telefon, wie spannend die Konzerte gewesen waren, wie interessant die Menschen, auch von weiter entfernt sahen die anderen Reisenden zu diesem akustischen Supergau hinüber. „Weißt Du was, Sohn“, sagte er „hier hört gleich bestimmt Jemand mit dem Telefonieren auf“ und setzte sein bösestes Boxergesicht auf. Wer das sieht, der ahnt, wie er in seiner Jugend die Nazis durch die dörfliche Heimat gejagt hat, den Iro grün, das Gesicht rot. Der krakeelende Jungstudent beendete das Gespräch. 

Es ist schwierig. Auf der einen Seite finde ich den Öffentlichen Nahverkehr gut, auf der anderen Seite zeigt sich dort die Familienunfreundlichkeit der Gesellschaft. Ja, es gibt auch die, die helfen, den Wagen in die Bahn zu hieven und Platz machen. Aber allein die Tatsache, dass es in manchen Straßenbahnen nur zwei Stellplätze für Kinderwagen und Rollstühle gibt und das am Freitagnachmittag, das zeigt, wie wenig mitgedacht wird. Nicht erst einmal musste ich mit dem Sohn eine Bahn aussetzen, weil kein Platz war. Da möchte man den Verkehrsbetrieben das Wort „Fahrgastzählung“ ins Gesicht brüllspucken.

Aber ich soll mich ja nicht aufregen. Und vielleicht sollte man sich hin und wieder einfach überlegen, dass man nicht immer Rücksicht nehmen und nicht immer unbedingt irgendwie lässig wirken muss. Dass andere nun dran sind mit der Rücksichtnahme und man den Platz in der Bahn einfach einfordert, dem Busfahrer ruhig mal sagt, dass er Menschen und keine Wasserbälle transportiert und den Jungstudenten erklärt, dass man nicht nur Menschlichkeit schwadronieren sondern auch leben sollte.

Oder ich bin einfach eine furchtbare Spießerin geworden.

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Aufgerieben

Ein Kind ist eine Sehenswürdigkeit. Kaum ist es da, wollen Alle mindestens einen Blick drauf werfen, es halten, beim Wickeln dabei sein und das dünne Haar streichen. Die Eltern werden mit den immer gleichen Fragen ins Kreuzverhör genommen. Schläft es schon durch? Isst es gut? Ist man nicht unglaublich glücklich? 

Und so irrt man einer Tournee gleich zu Freunden und Verwandten, antwortet genervt auf immer neue Nachrichten, wann man denn das Kind sehen dürfe, es sei ja nun bald fünf Monate alt und es habe immer noch kein einziges Treffen gegeben. Man versucht, Prioritäten aufzustellen und einzuhalten und kann doch nur alle enttäuschen. 

Man verstehe mich nicht falsch: Es ist schön, seine Freunde und seine Familie zu sehen. Meist sogar sehr schön. Aber es bleibt etwas auf der Strecke: Man selbst als Familie, man selbst als Paar.

Die Wochenenden sind belegt mit Besuchen und Terminen und dem Kuchenbacken und Wickeltaschepacken dafür. Man überlegt, wie man das Kind noch kurz wach hält, damit es nachher in der Bahn schläft und beim Besuch dann frohgelaunt alle anlacht und bitte nicht nur greint und vor Müdigkeit milchkotzt.

Am Sonntagabend plant man schon die nächsten Besuche am Wochenende und fällt dann ermattet aufs Sofa, ohne auch nur einmal mit dem Freund ein paar schöne Worte gewechselt zu haben. Ich mag Dich. Du bist mir wichtig. Wie geht es Dir eigentlich?

Dann ist da noch der Wäschehaufen, der Brief von der Krankenkasse, die kaputte Lampe, der Rücken tut weh und der Brei müsste noch eingekocht werden. Es müssen Sachen besprochen werden, aber am Ende des Tages ist keine Lust mehr da, man möchte seine Ruhe, die Wickeltasche wieder ausräumen und dann ins Bett. 

So bleibt nicht nur viel liegen, es schwelen auch die Konflikte. Wieso sieht er den Wäschehaufen nicht? Wo hat sie nur meine Socken hingelegt und warum ist schon seit Tagen schimmeliger Käse im Kühlschrank?

Und irgendwann platzt es dann. Meist vor einem Besuch, weil das Kind noch angezogen werden muss und der Müll sich stapelt und mal endlich mal nach unten gebracht werden müsste und nimm mich doch einfach in den Arm. Letzteres sagt man natürlich nicht, man schimpft und brüllt und all das, was schwelte, das brennt nun. Und in zehn Minuten fährt der Bus.

Dann steht man da, genervt, aufgerieben und sieht sich an. Was war der Grund für den Streit? Keine Ahnung, ich bin so müde. 

Am Ende des Tages redet man noch kurz. Endlich. Warum man so genervt ist. Warum so müde. Und warum man nicht früher etwas gesagt hat. Weil nie die Zeit war, sagt man. Wann man das letzte Mal nur zu dritt unterwegs war, ohne dass man als Ziel Jemanden hatte. Lange her, sagt man. 

Die Sehenswürdigkeit liegt unterdessen im Bett, schläft. Der Tag war anstrengend, so viele neue Gesichter. 

Man stellt sich ans Bett, sieht auf sein unglaubliches Kind. Nächstes Wochenende machen wir mal nichts, sagen wir und nehmen uns in den Arm. Endlich.