Druck. Vergleiche. Liebesentzug.

Heute Morgen waren der Sohn und ich einkaufen. Der Sonnabendmorgen ist unser Ding. Wir Vier trinken im Bett einen Kaffee – respektive eine kleine Morgenmilch -, unterhalten uns, gucken Bücher, dann stehen der Sohn und ich auf und gehen einkaufen, während mein Freund und die Tochter sich noch einmal ins Bett kuscheln. Der Sohn bekommt auf dem Weg ein Rosinenbrötchen, wir laufen durch den Park, gucken in den Himmel und suchen nach Hubschraubern; die liebt der Nachwuchs zurzeit nämlich sehr. Weiterlesen

Richtige Momente. Falsche Momente. Das Warten.

In unserem Freundeskreis ist das Baby-Fieber ausgebrochen. Voller Freude sehen wir den Grund natürlich in unserem klugen und wunderschönen Nachwuchs, der jedes Herz erwärmt. Nur: Ständig hören wir „Ein Kind wäre so toll, aber es passt gerade nicht“ oder „Wir warten auf den richtigen Moment“. Und so wird gewartet und gewartet, es werden Listen zum Abarbeiten erstellt, weil man vor dem Kind unbedingt noch das und das erledigt haben möchte – als sei das Leben mit Nachwuchs plötzlich vorbei. Weiterlesen

Eine kurze Geschichte der Zeit. Elternedition. 

An einem Montagmorgen ging der Freund zur Arbeit. Er gab den Kindern einen Kuss, mir ebenfalls, nahm seinen Rucksack und polterte die Treppen mit beachtlicher Lautstärke nach unten. Es war 6.41 Uhr, der Sohn weinte, weil sein geliebter „Bapa“ ging, die Tochter brüllte, weil sie merkte, dass es ein Tag war, den man nicht so früh beginnen sollte. 

Mein Freund ist ein großer Fan der Physik. Fällt dem Sohn etwas herunter, erklärt er ihm danach, das sei die Schwerkraft. „Faszinierend, oder?“, sagt er dann, während unser 17 Monate alter Sohn schon längs mit etwas anderem beschäftigt ist; zweifingrig zu popeln beispielsweise. Und mir versucht der Freund seit Anbeginn des „Wir“ zu erklären, wie Zeit funktioniert. Ich weiß nicht, wie oft ich abends im Bett liegend die Frage „Darf ich Dir noch einmal die Zeit erklären?“ hörte. 

Dass mein Kopf jünger als meine Füße ist, habe ich bereits verstanden; dass Zeit im Prinzip nicht von Uhren gemessen werden kann, ist auch schon bei mir angekommen. Das Problem, warum der Vormittag aber viel länger als der Nachmittag oder gar diese wertvolle Nacht ist, das Problem wurde bisher nicht gelöst. Oder ich habe es einfach nicht verstanden. Vielleicht ist es aber auch ein Zeitphänomen, das nur Eltern betrifft. 

Der Montagmorgen beispielsweise. Um Viertel vor sechs klingelte der Wecker. Weil ich es am Abend vorher aufgrund zweier schreiender Kinder nicht geschafft hatte, mich zu duschen, stand ich etwas früher auf. Also Dusche, Brötchen holen (verflixter brotloser Montag!) – um 6.07 Uhr saß ich am gedeckten Frühstückstisch. Um 6.19 Uhr war die ganze Familie auf den Beinen. Als der Freund um 6.41 Uhr ging, waren die Kinder gewickelt, angezogen und weinten. Es war so schön. 

Draußen regnete es, die Zeit zog sich. Irgendwann sah ich auf die Uhr; gefühlt bettreif. 7.13 Uhr. Ich merkte von selber, wie sich meine Augen ungläubig weiteten. 

Diese zähen Vormittage passen so gar nicht zu dem Gefühl, das ich freitags habe, wenn wir das Wochenende einläuten. Denn dann sitze ich da, denke mir, wie die Woche schon wieder so schnell rum sein kann und was ich doch alles schaffen wollte! Nichts habe ich geschafft, gar nichts. 

Die Nachmittage gehen dann schneller um, da ist die dilettantische Grafik von oben ungenau. Während sich morgens und vormittags die gefühlte Geschwindigkeit der Zeit Null annährt, nimmt sie nachmittags an Fährt auf. Die Kinder sind nach dem Mittagsschlaf gut drauf, auf dem Spielplatz ist der Boden von der Vormittagssonne warm und man gönnt sich den letzten Kaffee des Tages. 

Der geneigte Leser verstehe mich bitte nicht falsch: Ich liebe jede Sekunde mit den Kindern, aber wenn der Sohn bockig und die Tochter nölig ist, dann sehne ich mich nach der Ruhe des Mittagsschlafs. Ich glaube, ich bin damit nicht allein. 

Die Nacht hingegen ist kurz. Naja, außer ein Kind spuckt, fiebert oder meint, die Nacht sei zum Tanzen da. Aber diese Nächte, in denen man schläft, die Kinder minimal wach sind, die sind viel zu schnell um. Plötzlich klingelt der Wecker, es startet der nächste zähe Morgen. 

All die Dokumentationen, die mir der Freund zum Thema Zeit zeigte, befassen sich mit der Ausdehnung des Universums, irgendwelchen Krümmungen und der Frage, ob Zeitreisen möglich sind. Kluge Köpfe malen Kurven weitaus professioneller als ich auf seriös beleuchtete Flipcharts, Harald Lesch guckt ernst in die Kamera. Aber warum vormittags eine Stunde 420 Minuten hat, das haben sie noch nicht erforscht. Oder warum man am erstem Geburtstag des Kindes denkt „Häh? Ein Jahr rum? Habe ich nicht gerade noch das erste Mal schwangerschaftsbedingt gekotzt?“, aber dann – naja – der zähe Morgen eben. Das wäre mal ein Forschungsgebiet.

Und nun mache ich mich darauf gefasst, dass mein Freund, der diesem Text bereits im Bus sitzend gelesen hat, nach Hause kommt und mit mir die Zeit diskutieren wird. Vielleicht nimmt er auch einen Stift und verbessert meine Grafik. „Es ist gut, dass Du etwas mit Worten und nicht mit Graphen machst“, wird er vermutlich sagen und ich werde merken, wie die abendliche Zeit plötzlich ganz langsam wird. 

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Auch um Zeit geht es in meinem Gastbeitrag auf Dunkel Dreckig Reudnitz.